‹ Zurück zur Übersicht
Michael E. Mann | Propagandaschlacht ums Klima

© Verlag Solare Zukunft | Michael E. Mann | Propagandaschlacht ums Klima

Anpassen ist das neue Leugnen

Eine kritische Beobachtung von Matthias Hüttmann

In einer Sendung von Sandra Maischberger sagte die Tage die Chefreporterin der Welt, Anna Schneider: „Ich denke mir, es ist vielleicht die falsche Herangehensweise, den Klimawandel in erster Linie zu bekämpfen“. Man müsse vielmehr schauen, ob eine „Anpassung an den Klimawandel“ nicht sinnvoller sei. Dass hinter der Theorie einer „Anpassung First“ nichts anders steckt als nicht so viel gegen die menschengemachte Klimakatastrophe zu unternehmen, ist vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Jedoch passt diese Äußerung auch gut zu ihrem Buch von „Freiheit beginnt beim Ich“. Darin so der Klappentext, hat sie eine Liebeserklärung an den Liberalismus verfasst. Das Buch sei eine Ode an die Freiheit des mündigen Subjekts, an das »Ich« im »Wir«.

Aber zurück zu der Aussage. Was macht diese so gefährlich? Sie übersieht, dass die Geschwindigkeit der erforderlichen Anpassungen nicht mit der Geschwindigkeit der Veränderung mithalten kann. Denn, um es mal klar zu formulieren: Jede Verzögerung hat fatale Konsequenzen. So sagte UN-Generalsekretär António Guterres erst “Delay means Death“. Die Aussage von Frau Schneider unterschlägt, bewusst oder unbewusst, dass es, wenn überhaupt, nur eine Anpassung an eine bestimmte Erwärmung geben könnte. Sie suggeriert, dass es ein definiertes zukünftiges Klima geben wird, an das wir uns dann konkret anpassen könnten. Setzten wir jedoch unseren Greenwashingkurs fort und reduzieren wir die Emissionen nicht radikal, dann wird es immer heißer, somit rasch schwieriger und stetig unmöglicher sich anzupassen, ganz abgesehen davon, dass es immer teurer wird. Je früher wir mit einem Umschwung beginnen, desto günstiger kommt das für unsere Volkswirtschaften und – das ist ein zentraler Punkt – umso weniger Opfer auf allen Ebenen wird es geben.

Das Pariser Klimaschutzabkommen hat das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5° C zu begrenzen. Das klingt in den Ohren vieler alles andere als dramatisch, daran werden wir uns ja sicher spielend gewöhnen können. Nur handelt es sich dabei um eine mittlere globale Temperatur. Und dass unser Planet zu 2/3 aus Wasser besteht, wird gern übersehen. Für Menschen, die beispielsweise auf der Landfläche in Mitteleuropa leben, bedeuten diese läppischen 1,5° bereits 6 bis 7°! Eine Anpassung an ein solches Klima erscheint schon extrem ambitioniert und wäre wahrscheinlich nur einer privilegierten Minderheit vergönnt.

Das „Missverständnis“ liegt somit vor allem darin, dass es keine zwei Optionen „Anpassen“ oder „Erderwärmung begrenzen“ gibt. Eine Anpassung, um die wir im Übrigen nicht mehr herumkommen, kann nur funktionieren, wenn wir es schaffen, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen. Werfen wir einen Blick auf die weniger gemäßigten Zonen, zeigt sich die ganze Dramatik. Die Millionen Menschen in den heutigen Dürregebieten und semiariden Zonen werden sich nur „anpassen“ können, in dem sie in bewohnbarere Regionen fliehen. Denn dass Anpassung, im Sinne der Evolution, Zeit braucht, wissen wir alle. Und da wir keine Eintagsfliegen sind, die vielleicht in einem anderen Zeitschiene mutieren können, steht uns diese Zeit nicht zur Verfügung. Eine Anpassung, wie sie hier naiv dargestellt wird, wäre folglich eine rein technische. Ein Leben unter einer Art Käseglocke. Um einer solchen Zukunft überleben zu können, braucht es dann einer Vielzahl von diesen viel beschworenen Innovationen. Ein gigantischer Aufwand, nur um seine Lebensweise nicht ändern zu müssen oder überhaput zu hinterfragen.

Im Duktus des Neoliberalismus bedeutet Freiheit vor allem selbst über alles entscheiden zu können. Schließlich, so der Duktus, wüssten zivilisierte und mündige Menschen am besten was wichtig ist. Leider kommt dabei hinten meist nur ein „Freiheit first, Verantwortung second“ als Motto raus. Schränkt uns die eine verordnete Verantwortung ein, dann ist es schlichtweg Ideologie, die es zu bekämpfen gilt. Anpassen statt Anpacken: Ein „WELTBild“ das verharmlost und Kompetenz vorgaukelt, wo keine vorhanden ist.


Der US-Amerikanische Klimaforscher Michael E.Mann schreibt in seinem Buch „The New Climate War“ (in der deutschen Übersetzung unter dem Titel „Propagandaschlacht ums Klima“ hier bei der DGS-Franken erschienen, unter anderem:

Michael E. Mann „Propagandaschlacht ums Klima“
Michael E. Mann „Propagandaschlacht ums Klima“

„Die letzte Zuflucht der vermeintlichen Problemlöser bildet die Terminologie der Anpassung und Resilienz. (Widerstandsfähigkeit). Das heißt nicht, dass die beiden Themen nicht wichtig wären – sie sind es. Wir haben keine andere Wahl, als uns an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen, die jetzt unvermeidlich sind, und wir müssen angesichts des bereits erhöhten Klimarisikos eine größere Widerstandsfähigkeit aufbauen. Die Global Commission on Adaptation (Globale Anpassungskommission) hat beispielsweise empfohlen, in den nächsten zehn Jahren fünf Schwerpunkte bei der Anpassung an den Klimawandel zu verfolgen: Frühwarnsysteme, klimaresistenteInfrastruktur, veränderte landwirtschaftliche Praktiken, Schutz der Mangrovenökosysteme an der Küste und ein widerstandsfähiges Wasserressourcenmanagement. Aber so wie in einer Ablenkungskampagne der Schwerpunkt auf individuelles Handeln gelegt wurde, um systemische Veränderungen zu untergraben, ist die ausschließliche Fokussierung auf Anpassung und Resilienz zu einer bevorzugten Taktik der Anstifter klimapolitischer Untätigkeit geworden. Es ist eine weitere Methode, um so zu tun, als ob man die Initiative ergreift, um die Klimakrise zu bewältigen, während man gleichzeitig wie gewohnt fossile Brennstoffe verbrennt und die damit verbundenen Gewinne einfährt…

… die Herangehensweise an den Klimawandel erinnert an einen Menschen, der versucht, ein Loch im Dach mit Eimern, Handtüchern und Wischmopps zu beheben, aber keine Instandsetzung durch einen Handwerker in Erwägung zieht. …

… In der Rhetorik, die von Politikern, die sich für fossile Brennstoffe einsetzen, typischerweise nach klimabedingten Katastrophen verwendet wird, stoßen wir immer wieder auf eine andere Form der Ablenkung. So wird weder über eine Verringerung der CO2-Emissionen gesprochen, noch darüber, den Bau neuer Infrastrukturen für fossile Brennstoffe zu beenden oder Erneuerbare Energien zu fördern. Stattdessen setzen diejenigen, die die Vorherrschaft der fossilen Brennstoffe verteidigen, auf eine sanftere Form der Verleugnung. Macht euch keine Sorgen um eine CO2-Reduzierung oder Dekarbonisierung, wir werden uns einfach an das »neue Normal« anpassen. Vielleicht werden wir uns weiterentwickeln und Kiemen und Flossen oder feuerfeste Haut bekommen.“

Quelle

Der Bericht wurde von der Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie e.V. (Mattias Hüttmann) 2022 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung von Matthias Hüttmann weiterverbreitet werden! | SONNENENERGIE 04/2022 | Das Inhaltsverzeichnis zum Download!

Diese Meldung teilen

‹ Zurück zur Übersicht

Das könnte Sie auch interessieren