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Artikel vom 16.10.2008

Klimaschutz - die Aufgabe des Jahrhunderts

Es war noch nie so leicht wie heute, das ökologisch Vernünftige zu tun. Denn öko rechnet sich. Die Mehrheit der Menschen wird auf Ökoenergien und bessere Energieeffizienz-Technologien umsteigen, weil sie Geld sparen will.

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In Deutschland lassen immer mehr Hausbesitzer ihre Häuser besser dämmen, weil die sich daraus ergebende Energieeinsparung schon mittelfristig billiger ist als die alte Energieverschwendung. Es hat sich in Deutschland, Österreich und in der Schweiz herumgesprochen, dass Energie sparen Geld sparen heißt. Kosten senken und Klima schützen passen prima zusammen. Einer unserer Nachbarn in Baden-Baden hat 16 Jahre lang über unsere beiden Solaranlagen für Strom und Wärme gelästert, jetzt steigt er selbst um. “Die alte Energie ist mir zu teuer geworden”, argumentiert er heute. Und Angela Merkel weiß: “Je länger man das Notwendige unterlässt, desto teurer wird es später, das Unvermeidliche zu tun.” Klimaschutz kostet, das ist wahr - aber was kostet es, wenn wir das Klima nicht schützen? Kein Klimaschutz kostet die Zukunft, hat die Kreditanstalt für Wiederaufbau schon vor Jahren ihren Kunden vorgerechnet. D i e  Gesellschaften, die in den nächsten Jahrzehnten zu 100 % auf Erneuerbare Energien umsteigen, werden morgen an der Spitze der Weltwirtschaft stehen. Wer aber zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Jeder hat die Freiheit des Handelns.

Ein modernes Zukunftsmotto könnte heißen: Bürger zur Sonne, zur Freiheit! Denn Erneuerbare Energien bedeuten mehr Unabhängigkeit. Das wichtigste Potential für Erneuerbare Energien sind Menschen, die mit dem natürlichen Potential der Erneuerbaren Energien zusammenarbeiten. Das Solarzeitalter bringt erstmals die Lösung der Energieprobleme für alle Zeit. Öl, Kohle, Gas und Uran gehen allesamt bald zu Ende und werden immer teurer. Aber Sonne, Wind, Bioenergie, Meeresenergie, Wasserkraft und Erdwärme können wir noch fünf Milliarden Jahre nutzen - genau so wie es die Natur schon seit Jahrmillionen vormacht. Und sie werden immer preiswerter. Doch bis jetzt tun in keinem Land der Welt Politiker und Bevölkerung genug, um die Klimakatastrophe zu verhindern.

Wenn wir es aber tun, dann entstehen Millionen neue Arbeitsplätze, die solare Wertschöpfung bleibt in den Regionen, das regionale Handwerk profitiert, regionale Kultur und regionale Identität werden gefördert, die demokratische Kontrolle über die Energiebereitstellung wird endlich möglich und die Lebensgrundlagen heutiger und künftiger Generationen werden geschützt.

Die Aufgabe des Jahrhunderts heißt: 100-prozentiger Umstieg auf Erneuerbare Energien - und zwar weltweit. Viele haben die neue Herausforderung begriffen: 2007 wurden weltweit für Erneuerbare Energien über 100 Milliarden Dollar investiert. 2008 könnte sich der Betrag verdoppeln.

Der solare Reichtum - Wohlstand für alle

Das Ölscheichtum Abu Dhabi gehört zu den Vereinigten Arabischen Emiraten. Es verdankt seinen riesigen Reichtum zu 98 % dem schwarzen Gold. Aber ausgerechnet hier soll ab 2009 die erste solare Industriestadt der Welt gebaut werden, Masdar. 47.500 Menschen und 1.500 Firmen werden im Ölscheichtum zu 100 % mit Erneuerbarer Energie leben und arbeiten. Der Leiter des Projekts, Sultan Al Jaber, ist sich sicher: “Eines Tages werden alle Städte so gebaut sein wie Masdar.” Stadtplaner von Masdar ist der bekannte englische Architekt Norman Foster, der sowohl den Reichstag in Berlin zu 95 % mit Erneuerbarer Energie versorgt wie auch das Energiesparhochhaus der Commerzbank in Frankfurt geplant hat.

Foster:  “Solararchitektur ist keine Modeerscheinung, sondern d i e Überlebensfrage der Menschheit.” Das deutsche Solarunternehmen Conergy baut das solare Großkraftwerk für die Sonnenstadt. Kann Masdar tatsächlich überall werden?

Sogar der Chef des größten europäischen Energiekonzerns, Wulf Bernotat, enthüllte eine kleine Sensation, als er kürzlich verriet, dass sein neugebautes Haus mit Wärmepumpe und Solarzellen ausgestattet sei und er damit 80 % der bisherigen Stromkosten einspare. Privat also nutzt der E.on-Chef bereits die Sonne und ihre Kostenvorteile, während er seinen Kunden noch immer überwiegend die alte und immer teurer werdende Energie verkauft. Während der E.ON-Chef gelernt hat, dass ihm die Sonne nie eine Rechnung schickt, kündigt er seinen Kunden auch in Zukunft steigende Preise für Strom und Gas an. Wenn aber alle E.on-Kunden es dem E.on-Chef nachmachen und auf Erneuerbare Energien umsteigen, ist E.on bald nicht mehr der größte Energiekonzern in Europa.

Daran freilich ist E.on nicht interessiert und bestreitet deshalb noch immer die Vorteile und die Riesenchance des solaren Reichtums dieser Welt. Wulf Bernotat ist privat klüger, als sich sein Konzern nach außen gibt.

Aber die deutschen Stromkunden wachen allmählich auf und lassen sich nicht mehr länger von den alten Energiekonzernen abzocken. E.on hat im ersten Halbjahr 2008 über 200.000 Stromkunden verloren und Vattenfall klagt über ähnliche Verluste. Über 80 % der Deutschen setzen für die Zukunft auf Erneuerbare Energien.

Eine Vision - Europa im Jahr 2050: Unser Kontinent ist zu 100 % auf Erneuerbare Energien umgestiegen. Millionen Hausdächer und Hauswände erzeugen Solarstrom und Solarwärme. Solare Großkraftwerke arbeiten in Spanien, Portugal, Italien und Griechenland. Große Fabriken werden über große Wasserkraftwerke in Norwegen, Griechenland und Österreich mit Strom versorgt. Neubauten sind allesamt Solarenergie-Plus-Häuser. Millionen Landwirte sind Energiewirte geworden und kommen endlich ohne staatliche Subventionen aus. Die Akzeptanz von Windrädern ist nach einem Atomunfall in einem französischen AKW eine Selbstverständlichkeit.

Was viele befürchtet hatten, ist nicht eingetreten. Die Preise für Strom, Wärme und Mobilität sind nicht ins Unendliche gestiegen wie im Jahr 2008 noch befürchtet worden war und die Europäer erfreuen sich weiterhin ihres materiellen Wohlstands. Die Menschen hatten den entscheidenden Vorteil der Erneuerbaren Energien verstanden: Sonne, Wind und Erdwärme schicken keine Rechnung. Und die Technik wurde dank der Massenproduktion der erneuerbaren Energiesysteme immer preiswerter.

Die Machbarkeit dieser Vision wird im Jahr 2008 schon deutlich, nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern auch aus ökonomischen. Vor 15 Jahren war eine Kilowattstunde Windstrom noch viermal teurer als heute. Eine ähnliche Preisentwicklung ist für alle Erneuerbaren Energien absehbar. In den letzten 10 Jahren aber haben sich die Preise für die alten Energieträger mehr als vervierfacht. Doch der zurzeit noch hohe Preis für Solarstrom sinkt um etwa 20 % mit jeder Verdoppelung der Produktion von Solarzellen. Allein 2008 wächst  die Produktion von Photovoltaik-Anlagen um über 50 %.

Hermann Scheer hat mit seinen Eurosolar-Fachleuten ausgerechnet, das das Land Hessen schon in fünf Jahren zu 100% mit Ökostrom versorgt werden könnte und Al Gore kommt zum Schluss, dass die USA innerhalb von 10 Jahren sämtlichen Strom erneuerbar produzieren kann. Damit Kraftwerksbetreiber und Hausbesitzer, Bauern und Handwerker europaweit in Sonnen- und Windkraftwerke, in Biogasanlagen und Geothermie investieren, sind transeuropäische Hochleistungsnetze für elektrische Energie nötig. Mit der heutigen Netzstruktur und den heutigen Bauordnungen ist die solare Energiewende unmöglich. Die alten zentralistischen Energieversorger haben bisher den Ausbau der Netze in dezentralen Strukturen verweigert. Mit dem derzeitigen deutschen Stromnetz ist es nicht einmal möglich, den Windstrom von der Nordseeküste ausreichend ins Binnenland zu bringen.

Damit Unternehmer in neue transeuropäische Netzstrukturen investieren können, brauchen wir Einspeise-Gesetze, die auch Ökostrom vergüten, der im Ausland produziert wurde. Die Kapitalmärkte sind bereit, eine großräumige europäische Stromversorgung zu finanzieren. Voraussetzung freilich sind stabile politische Rahmenbedingungen. Theoretisch kann zum Beispiel Spanien ein Drittel des gesamten europäischen Strombedarfs über Sonnen- und Windkraft und Meeresenergie erzeugen. Aber ohne entsprechende Netzstruktur funktioniert das in der Praxis nicht.

Genau betrachtet ist ökologische Energiepolitik ein wesentlicher Teil einer modernen Sozialpolitik. Denn  "der kleine Mann" und  "die kleine Frau" werden zum Beispiel als Erste auf Autofahren verzichten müssen, wenn der Ölpreis und Benzinpreis weiter ansteigt. Und viele Deutsche werden im kommenden Winter frieren, weil sie die alten Energien nicht mehr bezahlen können. Der Umstieg auf preiswertere Alternativen ist nicht nur ökologisch, sondern auch sozial geboten. Bioenergie und Pellets sind schon heute preiswerter als fossile Brennstoffe und Antriebsstoffe. Pellets kosten im Sommer 2008 über die Hälfte weniger als Erdöl oder Erdgas.

Schon 2006 und 2007 waren an der Leipziger Strombörse Ökoenergien an einigen Tagen preiswerter als fossil-atomarer Strom.  Diese Trends werden sich fortsetzen. Das größte Umweltproblem ist die Nichtinformiertheit der Bevölkerung und häufig noch der fehlende politische Wille zur notwendigen Veränderung.

Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de (Angaben zur Quelle und zum Copyright dieses Artikels hier)

Franz Alt, 16.10.2008

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